Projektmanagement

43 Jahre Projektmanagement: Was sich verändert hat und was nie

43 Jahre Projektmanagement

Ein Autorenbeitrag von Till H. Balser.

Als ich 1989 die Tiba gründete, war Projektmanagement in Deutschland ein Nischenthema. Netzpläne wurden auf Papier gezeichnet, „Stakeholder“ war ein Fremdwort, und wer von Beruf Projektleiter war, hatte diesen Beruf nirgends lernen können. Heute, 37 Jahre später, ist Projektarbeit die dominierende Arbeitsform in weiten Teilen der Wirtschaft. Auf diesem Weg habe ich vieles kommen und manches wieder gehen sehen. Eine persönliche Bilanz in vier Veränderungen und drei Konstanten.

Till H. Balser

Inhaltsverzeichnis
1. Was sich im Projektmanagement verändert hat
1.1 Projektmanagement wurde vom Werkzeug zur Disziplin.
1.2 Die Methodenvielfalt explodierte und beruhigt sich wieder.
1.3 Die Tools haben die Arbeit verändert - zweimal.
1.4 Der Mensch rückte ins Zentrum. Endlich!
2. Was sich im Projektmanagement nie verändert hat
2.1 Projekte scheitern an denselben Dingen wie vor 1989
2.2 Vertrauen bleibt die stärkste Währung
2.3 Erfahrung ist nicht komprimierbar
3. Was ich der nächsten Generation mitgeben möchte
4. Drei Momente, die mich geprägt haben
5. Was ich heute anders mache, als 1989
6. Fazit

Was sich im Projektmanagement verändert hat

Projektmanagement wurde vom Werkzeug zur Disziplin. In den frühen Jahren bedeutete PM vor allem Terminplanung. Heute umfasst die Disziplin Strategie, Portfolio, Ressourcen, Risiko, Governance und sie hat Eingang in Vorstandsagenden gefunden. Mit der Professionalisierung kam allerdings auch die Bürokratisierung: Manche PM-Handbücher, die ich in Unternehmen sehe, verhindern heute mehr Projekte, als sie ermöglichen. Professionalität bemisst sich nicht an der Dicke des Regelwerks.

Die Methodenvielfalt explodierte und beruhigt sich wieder. Wasserfall, V-Modell, PRINCE2, Scrum, SAFe, Design Thinking: Jede Welle wurde als Erlösung verkündet und hinterließ Ernüchterung, wo sie dogmatisch angewendet wurde. Was sich heute durchsetzt, ist erfreulich unideologisch: adaptives Arbeiten nach Passung. Diese Reife hat die Branche Jahrzehnte gekostet. Ich hätte sie gern schneller gehabt.

Die Tools haben die Arbeit verändert - zweimal. Der erste Schub war die Digitalisierung der Planung, vom Papier zur Software. Der zweite läuft gerade: Künstliche Intelligenz beginnt, Statusberichte zu schreiben, Risiken zu erkennen, Szenarien zu rechnen. Ich halte das für die größte Werkzeug-Veränderung seit ich in diesem Beruf bin. Mit einer Einschränkung, zu der ich bei den Konstanten komme.

Der Mensch rückte ins Zentrum. Endlich! Die wichtigste Entwicklung ist für mich die Erkenntnis, dass Projekterfolg im Kern eine Frage von Menschen, Führung und Kultur ist. Was wir heute Change-Management nennen, haben wir über Jahrzehnte als „weichen Faktor“ belächelt. Es ist der härteste von allen. Unser4-Achsenkreuz®ist aus genau dieser Erkenntnis entstanden: Technik, Prozesse, Organisation und Mensch gehören zusammen gedacht.

Was sich im Projektmanagement nie verändert hat

Projekte scheitern an denselben Dingen wie vor 1989. Unklare Aufträge, ungelöste Zielkonflikte, fehlender Rückhalt des Managements, beschönigte Berichte. Ich habe in über 37 Jahren und über 950 Mandaten keine einzige Methodeninnovation erlebt, die diese Grundprobleme beseitigt hätte - weil es Führungsprobleme sind, keine Methodenprobleme.

Vertrauen bleibt die stärkste Währung. Kunden beauftragen keine Folien, sie beauftragen Menschen, denen sie zutrauen, in schwierigen Situationen richtig zu handeln. Das galt 1989, das gilt im Zeitalter der KI erst recht: Je mehr Maschinen produzieren können, desto wertvoller wird das, was sie nicht können: Urteilskraft, Verantwortung, Haltung.

Erfahrung ist nicht komprimierbar. Man kann Wissen beschleunigt vermitteln. Wir haben in unserer Geschichte rund 69.000 Trainingsteilnehmer betreut, ich weiß also, wovon ich spreche. Aber Urteilsvermögen entsteht erst, wenn Wissen auf Realität trifft, auf schwierige Kunden, scheiternde Pläne, eigene Fehler. Deshalb bin ich überzeugt: Auch die nächste Generation von Projektleitern wird ihre Narben brauchen. Unsere Aufgabe als Erfahrene ist, dafür zu sorgen, dass es lehrreiche Narben sind und keine vermeidbaren.

Was ich der nächsten Generation mitgeben möchte

Wenn mich junge Projektleiter fragen, worauf es ankommt, sage ich drei Dinge: Lernt das Handwerk gründlich. Improvisation ist keine Strategie. Nehmt Menschen ernster als Pläne. Der Plan ist Mittel, nicht Zweck. Und sagt die Wahrheit, besonders wenn sie unbequem ist. Ein ehrlicher roter Status ist mehr wert als zehn grüne aus Höflichkeit. Alles andere, Methoden, Tools, Frameworks, könnt ihr lernen. Diese drei Dinge müsst ihr wollen.

Drei Momente, die mich geprägt haben

Bilanzen werden konkret durch Momente. Drei sind mir geblieben. Der erste: ein Großprojekt in den Neunzigern, bei dem ich als junger Berater zusah, wie ein technisch brillanter Projektleiter scheiterte, weil er den Betriebsrat als Störfaktor behandelte, statt als Beteiligten. Meine erste Lektion darin, dass Projekte soziale Systeme sind, lange bevor es dafür Lehrbücher gab. Der zweite: die Einführung unserer ersten PM-Trainings, als uns Kunden fragten, ob man Projektleitung überhaupt lehren könne. Heute eine absurde Frage, damals ernst gemeint; sie hat mich gelehrt, wie lange Professionalisierung dauert und dass man früh anfangen muss. Der dritte Moment ist jüngeren Datums und der schwerste: zu erleben, dass auch das eigene Unternehmen vor Krisen nicht gefeit ist. Ich erwähne ihn, weil er zur Wahrheit dieser Bilanz gehört und weil er mir eine letzte Lektion erteilt hat, die ich in keinem meiner Trainings gelernt hätte: die Prinzipien, die wir Kunden vermitteln, gelten ungekürzt auch für uns selbst. Realität anerkennen, ehrlich kommunizieren, Substanz erhalten. Es gibt keine Beraterausnahme.

Was ich heute anders mache, als 1989

Vieles. Ich plane kürzer und überprüfe öfter. Die Welt belohnt keine Fünfjahrespläne mehr. Ich höre länger zu, bevor ich rate; die Qualität einer Beratung entscheidet sich in der Diagnose, nicht in der Empfehlung. Ich halte Methoden für wichtig und Methodengläubigkeit für gefährlich. Je älter ich werde, desto kürzer werden meine Folien und desto länger meine Gespräche. Und ich sage häufiger Nein: zu Mandaten, die nicht zu uns passen, zu Erwartungen, die kein seriöser Berater erfüllen kann, zu Methoden, die in zwei Jahren niemand mehr erinnert. Das konnte ich mir mit dreißig nicht leisten, mit Mitte sechzig ist es vielleicht der nützlichste Beitrag, den ich noch leisten kann: zu unterscheiden, was Bestand hat.

Fazit

37+ Jahre Projektmanagement lehren vor allem Demut vor den Konstanten: Klarheit, Vertrauen, Verantwortung. Die Werkzeuge werden sich weiter rasant verändern. Zuletzt durch KI so schnell wie nie. Wer dabei die Konstanten beherrscht, hat von den Werkzeugen nichts zu befürchten. Wer sie nicht beherrscht, dem helfen auch die besten Werkzeuge nicht.

Till H. Balser teilt seine Einschätzungen regelmäßig auf LinkedIn.
Kontakt: kontakt@tiba-ttg.com

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